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Die Geschichte der Orgeln
Die Lutherkirche Wiesbaden wurde nach vierjähriger Bauzeit am 8. Januar 1911 eingeweiht. Mit ihr zusammen entstand die Walcker-Orgel und ließ im Einweihungsgottesdienst der Kirche ihre ersten Töne erklingen. Der Darmstädter Architekt Friedrich Pützer und seine mit ihm arbeitenden Künstler (Glas- und Dekorationsmaler, Goldschmied, Ziseleur, Bildhauer, Medailleur) haben mit der Lutherkirche innen wie außen, zusätzlich auch unter städtebaulichen Aspekten ein Gesamtkunstwerk geschaffen, in das sich die Orgel nahtlos einfügt. Nach dem liturgisch-architektonischen „Wiesbadener Programm“, das eine Einheit von „Altar, Kanzel und Sängerbühne mit Orgel“ forderte, stand und steht die Orgel im Angesicht der Gemeinde. Die damals weltberühmte Firma Walcker baute sie im spätromantischen Stil (III/50), bereits unter Einfluss der „Elsässischen Orgelreform“, zu deren maßgebenden Männern Emile Rupp und Albert Schweitzer zählten. In dieser Zeit versuchte man, den Charakter der romantischen Orgel (Hauptwerk f, Oberwerk mf, Schwellwerk p) wieder mit barocken Merkmalen (zumindest nach der Auffassung der Zeit nach der vorletzten Jahrhundertwende) zu versehen. Alle drei Manuale sind selbständig und trotz vieler, sehr unterschiedlicher 8-Füsse gut ausgebaut. Das Schwellwerk weist eine stattliche Anzahl Zungenstimmen auf, was die Darstellung französisch-romantischer Orgelmusik (etwa César Franck, Alexandre Guilmant, Louis Vierne, Charles-Marie Widor) sehr unterstützt.

Etwa zehn Jahre nach Beendigung des II. Weltkriegs – der Geschmack der Zeit verwarf insbesondere die Romantik und wollte barocke Prinzipien zurückgewinnen – wurde die Walcker-Orgel ziemlich gründlich umgebaut. Die typisch (spät-)romantischen Register (Streicher, Schwebungen, Zungen, Streicher-Mixturen) verschwanden und wurden durch Krummhörner, Cymbeln usw. ersetzt. Das Ergebnis war eine ungesunde Mischung. Erschwerend trat hinzu, dass die Schächte der alten Kirchenheizung (ca. 1982 durch eine moderne Heizung ersetzt) links und rechts neben der Orgel entlang liefen. Der damals experimentierfreudige Orgelbauer hatte stehende und liegende Taschen-, aber auch Membran- und Kegelladen verwendet. So gab der klangliche, barock-spätromantische Mischmasch zusammen mit der technischen Funktionssicherheit immer wieder mehr als nur Anlass zum Klagen.

Die Orgelsachverständigen ermunterten schließlich die Gemeinde, die (alte) Walcker-Orgel stehen zu lassen – sie genoss Denkmalschutz – und auf der rückwärtigen Empore eine neue Orgel zu bauen. Hierfür wurde die Firma Klais gewonnen. Sie baute 1978 eine neue Orgel (III/44), die klanglich alle relevanten Epochen der Orgelgeschichte darstellbar machte. Diese Orgel wurde zum Kirchweihfest 1979 eingeweiht.

Zehn Jahre später meldete sich die Landesdenkmalpflege: Die Walcker-Orgel sollte nicht nur als optisches Denkmal erhalten bleiben, sondern auch wieder in ihrer mutmaßlich alten Art erklingen. Da die Firma Walcker in der Form von 1911 nicht mehr existiert, übernahm die Firma Klais den verantwortungsvollen Auftrag der Restaurierung. Dies geschah 1986/87.

Damit verfügt die Lutherkirche Wiesbaden über zwei große, jedoch recht unterschiedliche Orgeln. Zusätzlich steht in der Kirche ein Truhenpositiv der Firma Jann mit 4 ½ Registern und einer hinreißenden Intonation, die nicht nur die Verwendung als Continuo-Instrument erlaubt, sondern auch die Darstellung der pedallosen Literatur in akustisch zauberhafter Form gestattet.

Die beiden großen Orgeln wurden auf die gleiche Stimmtonhöhe gebracht. Obwohl die Literatur für zwei Orgeln dieser Größe recht sparsam gesät ist, erklingen sie gelegentlich gemeinsam. Die Organisten sind dabei über Mikrophon und Kopfhörer verbunden.


Die Klais-Orgel

Auf der Empore über dem Eingang zum Kirchenraum befindet sich seit 1979 eine dreimanualige Orgel mit 44 klingenden Registern und mechanischer Traktur, erbaut von der Firma Klais, Bonn. Die Klangqualität der Einzelstimmen wie auch deren Zusammenklang erzielt in der besonderen Raumakustik eine Durchsichtigkeit und Differenziertheit, die in weitem Umkreis ihresgleichen sucht.

Disposition

Pedal Rückpositiv Hauptwerk Schwellwerk
Principalbass 16' Holzgedeckt 8' Bourdon 16'

Rohrflöte 8'

Subbass 16' Quintade 8' Principal 8' Gamba 8'
Quinte 10 2/3' Principal 4' Spitzflöte 8' Vox coelestis 8'
Octave 8' Rohrflöte 4' Bifaria 8' Fugara 4'
Spielflöte 8' Octave 2' Octave 4' Blockflöte 4'
Tenoroctave 4' Waldflöte 2' Holztraverse 4' Nasard 2 2/3'
Rohrpfeife 2' Larigot 1 1/3' Superoctave 2' Octavin 2'
Hintersatz 4f 2 2/3' Sesquialtera 2f. 2 2/3' Cornet 5f. 8' Terz 1 3/5'
Posaune 16' Scharff 4f. 2/3' Mixtur 5f. 1 1/3' Sifflet 1'
Trompete 8' Holzregal 16' Trompete 16' Plein jeu 4f. 2'
Cromorne 8' Trompete 8' Hautbois 8'
Tremulant Clairon harm. 4'
Tremulant


Die Walcker-Orgel

Eine der ersten großen Orgeln mit elektro-pneumatischer Traktur wurde 1911 von der Firma Walcker, Ludwigsburg, mit 46 Registern und 3 Manualen für die Lutherkirche gebaut.

Da es damals noch keine oxydationsgeschützten Elektrokontakte gab, stattete man das Hauptwerk zur Sicherheit mit einem Hilfsspieltisch mit pneumatischer Traktur aus. 1986/87 wurde das Instrument restauriert und als „Denkmal von bundesweiter Bedeutung“ für den spätromantischen Orgelbau gesetzt.

Disposition

Pedal Hauptwerk Seitenwerk Schwellwerk
Principal 16' Bordun 16' Gedeckt 8'

Quintatön 16'

Violonbass 16' Principal 8' Geigenprincipal 8' Principal 8'
Subbass 16' Gamba 8' Salicional 8' Echo Gamba 8'
Gedacktbass 16' Flauto major 8' Rohrflöte 8' Liebl. Gedackt 8'
Quinte 10 2/3' Gemshorn 8' Viola 8' Flauto dolce 8'
Flötenbass 8' Gedeckt 8' Fugara 4' Spitzflöte 8'
Violoncello 8' Octave 4' Flauto dolce 4' Quintatön 8'
Choralbass 4' Rohrflöte 4' Doublette 2' Aeoline 8'
Bassflöte 4' Octave 2' Harm. aether. 4f 2 2/3' Voix céleste 8'
Posaune 16' Mixtur 3f. 2 2/3' Klarinette 8' Viola 4'
Trompete 8' Cornett 3-5f 8' Traversflöte 4'
Trompete 8' Flautino 2'
Mixtur 3-4f. 2'
Basson 16'
Oboe 8'
Tromp. harm. 8'
Clairon 4'
Tremulant

Mit freundlicher Genehmigung der Kirchengemeinde (Ines Flemmig)



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