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Orgeln 2020

Verlag: St. Benno

„Orgeln plus Jahrgangszahl“, so simpel nennt der Benno Verlag in Leipzig seine Bildkalenderserie, die schon diverse Jahre erscheint und immer jeweils 12 mehr oder weniger interessante Orgeln in fotografischer Direktsicht, also aus Zentralperspektive, auf je einem Kalenderblatt abbildet. Die Fotos sind qualitativ sehr hochwertig, aber wenig originell. Man beschränkt sich auf die eben immer gleiche Frontalsicht auf den Orgelprospekt. Wüsste der geneigte Betrachter nicht, wie schwierig Orgelfotos wegen oft problematischer Lichtverhältnisse und einer verzerrungsfreien Optik zu machen sind, so würde man den Kalender vielleicht schnell zur Seite legen, denn spätestens nach dem vierten Blatt fra600gt man sich, warum Orgelfotografie eigentlich dermaßen eintönig ist wie hier zu erleben. Aber ignoriert man die immer gleich Art des Fotografierens, so stellt man ganz schnell fest, dass das handwerkliche Niveau dieser Aufnahmen hervorragend ist. Undso schaut man sich die Fotos doch sehr gerne an. Und bemerkt dann recht schnell, dass in diesem Kalender abgesehen von einer großen neuen Eule-Orgel in Gießen fast nur symetrisch gebaute historische Orgeln in alten Kirchen zu bestaunen sind. Das mag grundsätzliche, verlagsvorgegebene Linie sein oder auch nicht, auf jeden Fall ist das wenig abwechslungsreich. Schade, dass nicht wenigsten zwei oder drei moderne Orgeln in vielleicht auch unsymetrischer Prospektanordnung ausgewählt wurden. Das wäre sicher bereichernd gewesen.

Letztlich ist das Fotografische aber nur ein Aspekt dieses Kalenders, denn er wird noch durch zwei weitere Komponenten bereichert. Sehr individuelle Texte auf den Rückseiten der Monatsblätter vermitteln auf unterschiedliche Weise Interessantes zu den einzelnen Orgeln. Natürlich erfährt man dabei von allen Orgeln die Disposition und, abgesehen vom Sonderfall der Orgel in St. Nicolai in Wismar, Details zur Orgelgeschichte. Lediglich im Fall dieser einen genannten Orgel hat es sich der Autor etwas arg einfach gemacht. Alle anderen Texte sind sehr lesenswert.

Das Beste an diesem Kalender aber ist seine klingende Seite, denn die dazugehörende CD ist ein Ereignis. Man wird nämlich nicht nur fasziniert ganz unterschiedlichen Orgelcharaktere hören können, sondern entdeckt auch kaum bekannt gute Organisten und, noch wichtiger vielleicht, Stücke, die man so gut wie nie im Konzertleben hören kann, die aber fast immer außerordentlich hörenswert sind. Oder hat schon jemand einmal die bekanntesten vier Stücke aus dem an sich berühmten Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach von Johann Sebastian Bach als Orgelstücke gehört? Und das so lustvoll gespielt und dermaßen kreativ und wirkungssicher registriert wie Felix Friedrich das hier gemacht hat? Jeder Klavierschüler kennt diese Stücke, aber so hat man sie noch nie erleben können. Aber auch des Organisten Andreas Fauß eigene Variationenfolge über ein sehr bekanntes Menuett von Wolfgang Amadeus Mozart, möglicherweise eigentlich von dessen Vater Leopold Mozart, ist Hörgenuss. Und gleich am Anfang der CD überrascht ein originelles eigenes Werk der Organistin Karen de Pastel. Sie hat eine kleine Ciacona über ein litauisches Volkslied eingespielt, die einfach Hörspaß vermittelt. Danach dann eine Entdeckung der ganz besonderen Art, denn den deutschen romantischen Komponisten Kurt Waldeck kennt wohl kaum jemand. Dessen B-Dur-Fantasie vereint aber auf das Schönste französische Orgelromantik mit deutscher Stilistik. Dass das Stück vielleicht kompositorisch einfach gestrickt ist und ein wenig bombastisch daherkommt, das kann man einfach als Besonderheit einer Musik wahrnehmen, die einfach nach Spielfreude klingt. Organist Ikarus Kaiser ist diese Einspielung auf jeden Fall ähnlich perfekt gelungen wie den anderen bereits genannten Organisten die von ihnen ausgewählten Stücke. Und noch ein Entdeckung: Das „Kyrie“ aus einer Messe von Louis Vierne für zwei Orgeln und Chor wirkt zwar etwas fremd auf dieser CD, aber auch dieses Stück macht wie alle bisher genannten Einspielungen inclusive der direkt davor zu findenden Toccata in b-moll des gleichen Komponisten Lust auf mehr.

Natürlich gibt es auch altes Repertoire auf dieser CD zu hören, von Guilain, Kerll oder Sweelinck. Diese bleiben hier aber eher unauffällig, sind aber durchaus auch hörenswert. Arg blass hingegen ist ein etwas einfallsloses Stück eines gewissen Christian Fink aus dem neunzehnten Jahrhundert. Drei weitere Werke von Johann Sebastian Bach, allesamt auffallend gut gespielt, runden den äußerst positiven Eindruck dieser CD ab. Alleine schon wegen der CD ist dieser Kalender eine Empfehlung. Und hebt sich weit ab vom Einerlei vieler Musikkalender ohne Mehrwert. Hier ist der klingende Mehrwert so groß, dass man sich den Kalender auch kaufen kann, wenn man gar keinen braucht. Einfach um „Kalender zu hören“. Ein Dank nach Leipzig zum Benno-Verlag, der ein Solitär in der deutschen Verlagslandschaft darstellt.

Reinald Hanke - für www.orgel-information.de
Juli 2019 / August 2019


Dieser Kalender ist im gut sortierten Buch-/Musikhandel erhältlich
- unter anderem im Notenkeller in Celle (tel. Bestellung 05141-3081600 oder per Mail an info@notenkeller.de möglich).