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Max Reger - Choralfantasien

Interpret: Balász Szabó
Label: MDG


Meine Orgelsachen sind schwer, es gehört ein über die Technik souverän herrschender, geistvoller Spieler dazu“ - dies schrieb Max Reger (1873-1916) an den befreundeten Organisten Gustav Beckmann im Jahre 1900. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits vier große Choralfantasien aus des Komponisten Feder geflossen, im Jahre 1900 selbst sollten noch drei weitere folgen, eine jede anders und charakteristisch auf ihre eigene Art und Weise. Regers Antwort auf den Vorwurf, er schreibe absichtlich schwer – „[…] gegen diesen Vorwurf habe ich nur eine Antwort, dass keine Note zuviel darin steht..“[...] mag man angesichts des kontrapunktischen, melodischen und tonlich-harmonischen (Über-) Reichtums seiner Werke unkommentiert stehen lassen.

Dass Regers „Orgelsachen“ schwer sind, darüber herrscht Einigkeit, dass ein die Technik – und zwar nicht nur die rein spielerische Technik, sondern auch die des artgerechten Bedienens der Spielhilfen einer romantischen Großorgel! - beherrschender Organist benötigt wird, steht auch außer Frage. Zweifellos ist der ungarische Orgelvirtuose Balász Szabó ein solcher Spieler, widmet er sich doch seit einiger Zeit schon intensiv dem Schaffen Max Regers. Für das Label MDG spielte er nun die Choralfantasien Max Regers und als Zugabe die Choralfantasie „Wie schön leuchtet uns der Morgenstern“ von Regers Mentor, dem Organisten der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und der Berliner Philharmonie, Heinrich Reimann, auf 2 CDs ein.

Mit den Orgeln der Votivkirche Wien (Walcker 1878, III/61), der Stadtkirche Giengen an der Brenz (Gebr. Link, 1906, III/51) sowie der Orgel von St. Anton, Zürich (Kuhn 1914, III/54) wählte Szabó drei auf die Entstehungszeiträume der einzelnen Werke sehr gut passende, opulente romantische Instrumente aus, welche er in ihrer vollen Pracht und Majestät erklingen lässt. Angesichts dieser passenden Werk-Instrument-Auswahl ist ein erlebnisreiches, farbiges Hören garantiert.

Bálasz Szabós Reger-Spiel ist eine wahre Freude, es ist ihm deutlich anzumerken, dass er sich intensiv mit Werk und Instrument auseinander gesetzt hat. Beeindruckend steht die „Feste Burg“ des von Reger in der ersten Choralfantasie verarbeiteten gleichnamigen Luther-Chorals im Raum der Votivkirche Wien. Markige Bässe, gewaltiges Plenum an den Forte-Stellen, fein ausdifferezierte Solo-Stimmen, sodass auch der nicht allzu versierte Reger-Hörer das Thema gut verfolgen kann – top! Leider unterliegt Szabó an einigen Stellen der großen Akustik der Votivkirche, so ist das erste Pedalsolo bzw. die folgenden Stellen, an welchen der Cantus Firmus, unterbrochen von mächtig und fest gemauerten Akkorden, über schnellen Pedalbewegungen erklingt, teilweise etwas verwaschen. Ebenso lässt Szabó an einigen Stellen – insbesondere dort, wo auf Forte piano folgt – den Nachhall nicht verhallen, sondern geht direkt weiter, sodass leider der Phrasenanfang der nächsten Piano-Phrase noch vom Nachhall „gefressen wird“ - schade! Dem eigentlichen Hörgenuss tut dies jedoch keinen Abbruch.

Die Seele des Zuhörers freut sich wahrhaftig bei der Darbietung von „Freue dich sehr, oh meine Seele“, ebenfalls an der Orgel der Votivkirche. Dieses selten gehörte Werk entfaltet unter den kundigen Händen Szabós seine volle Schönheit, und auch die Orgel darf einmal zeigen, was sie kann: sprudelnde Prinzipalstellen, durchschlagende Zungen, himmlische Schwebungen, mächtiges Fortissimo mit markant-grummelnden, aber nie indifferenten Bässen – diese Aufnahme ist ein Genuss!  Toll auch, dass der große Nachhall der Votivkirche bis zum Ende hin ungeschnitten aufgenommen wurde! Szabó zeigt sich bei Spiel und Registrierung als ein die Werke und Instrumente absolut beherrschender Spieler.

Hell strahlend und fein ausregistriert bis in die letzten Noten, darf die Giengener Orgel der „Morgenstern-Fantasie“ einen herausragenden Glanz bieten. Interessant auch der Wechsel von Walcker zu Link – die (fast) 30 Jahre Zeitsprung sind doch deutlich zu hören. Singende, teilweise noch kratzige Principale sind solchen mit größerer klanglicher Breite, aber auch weniger Transparenz gewichen, Flöten differenzieren sich in alle nur denkbaren Tonstärken, bis an die Grenze der Unhörbarkeit gehen Voix céleste und Aeoline im Schwellwerk der Giengener Orgel zurück, deren „Volles Werk“ weniger strahlend, dabei aber genauso machtvoll wirkt wie das der Orgel in der Votivkirche – toll, dass das so demonstriert wurde!

Mächtig, angsteinflößend spielt Szabó „Straf mich nicht mit deinem Zorn“ - er nimmt die Aussage sehr ernst und interpretiert einen unvergleichlich spannungsvollen Reger, sodass der Hörer am Ende dieser Fantasie beinahe nach Luft schnappt. Auch die drei „späten“ Choralfantasien Op.50 geraten unter Szabós Händen in dieser Aufnahme zu klanglichen Juwelen, was sicher auch der 2002 mit einem Fernwerk bestückten Kuhn-Orgel von St. Anton, Zürich, zu verdanken ist.

Ob „Alle Menschen müssen sterben“, „Wachet auf“ oder „Hallelujah! Gott zu loben“ - Szabó erweist sich immer als ein den Werken überlegt gewachsener Spieler. Dabei darf auch hier die Orgel ihre Stärken vom feinsten Pianissimo (wunderbar der dunkle Anfang der „Wachet auf“-Fantasie, spannungsvoll, dunkel, herrlich!) bis hin zum Forte mit allen Stimmen ausspielen. Mit unterschiedlichsten Solostimmen (Gamba, Gemshorn, Flauto major, etc.) spielt Szabó die Cantus firmi markant heraus, sodass auch dem weniger versierten Reger-Hörer die Möglichkeit gegeben ist, diese gut zu verfolgen.

Reimanns Fantasie „Wie schön leuchtet uns“ ist nicht nur wesentlich kürzer als die Reger'sche Vorlage (der Unterschied beträgt gut zwei Minuten), sondern auch durch ihre andere Anlage eine interessante Beigabe. An vielen Stellen ist jedoch eine deutliche Inspiration bei und durch Reger nicht zu überhören, nichts destotrotz ist es auch dieses Werk, mit dem noch einmal die Giengener Orgel auftrumpfen darf, wert, einmal gehört zu werden, steht doch ein Großteil der romantisch-deutschen Orgelkomponisten etwas im Schatten von Reger. Szabó durchschreitet die Fantasie ohne übertriebene Schnörkel, aber mit viel Liebe zum Detail, wobei aber an manchen Stellen der Kraft des Basses vielleicht etwas zu viel des Guten getan wurde, was jedoch das Hörerlebnis nicht trübt. Betörend schöne Melodien in den Kontrapunkten, Flöten – und Streichersoli – warum wird dieses Werk nicht viel öfter gespielt? Wunderbar breit ausmusiziert dann das Finale der Choralfantasie mit einer unterbrochenen Durchführung des Chorals – da möchte man länger zu- und mithören, der Hörer fiebert förmlich mit, wird von Szabó an die Hand genommen und durch den „Notenwald“ der spätromantischen Fantasie geführt – so muss das sein!

Dass Szabó unbestritten ein herausragender Interpret ist, muss nicht gesagt werden. Durch seine relativ zügigen Tempi gibt er auch weniger versierten Hörern eine Chance, das regersche Werk zu verfolgen, gerät allerdings durch die, besonders in der „Hallelujah!“-Fuge, teilweise sportlichen Tempi dann stark an die Grenze der Transparenz, was das Verfolgen der Fuge teilweise etwas schwierig macht. Auch die große Steigerung am Ende der Fuge – auch bei „Wachet auf“ - ist m.E. zu wenig herausgestellt worden, wirkt durch das schnelle Tempo leider etwas lieblos und hektisch. Hier wäre etwas mehr Ruhe vielleicht gut gewesen. Teilweise wirken die Figuren verwaschen, etwas „überspielt“ - Schade! Stellenweise lässt sich Szabó vom Enthusiasmus des regerschen Stroms mitreißen, was dann dazu führt, das wichtige, große Stellen, wie z.B. das Ende der „Wachet auf“-Fuge mit der erneuten Choraldurchführung etwas lieblos wirkt – Regers großes Ziel, den Choral noch einmal leuchtend heraus zu stellen, scheint etwas in den Hintergrund zu geraten. Einige wenige, marginal wahrnehmbare Schleiftöne, z.B. beim Wegnehmen des Schlussakkordes von „Hallelujah!“ sind bisweilen irritierend, lassen sich jedoch angesichts des gebotenen Hörerlebnisses gut verschmerzen.

Aufnahmetechnisch ist die CD top geraten, strahlend und mit viel Raumklang die Votivkirche, jedoch nicht zu Lasten von Transparenz und Bass – man meint, ebenso wie in Giengen und Zürich, Standorte einzelner Register wahrzunehmen. Interessanterweise wirkt die Aufnahme aus Giengen sehr direkt, fast so, als hätte das Mikrofon auf der Emporenbrüstung gestanden. Jedoch ist auch hier eine sehr räumliche Aufnahme gelungen, auch wenn sie recht direkt ist. Daneben sind für eine hochromantische Orgel irritierend laute Trakturgeräusche wahrnehmbar, sowohl im Manual, als auch im Pedal – diese stören m.E. Jedoch nie das Hörerlebnis, tragen eher zu einer „haptischen Vertiefung“ bei, da man hier die Orgel richtig „arbeiten“ hört. Ebenso ist Zürich, St. Anton geraten – sehr direkt, aber räumlich, interessanterweise fast ohne Nachhall (welcher in Giengen noch deutlich wahrnehmbar ist!), auch das Fernwerk scheint nicht zum Einsatz gekommen zu sein.

Das Booklet der CD ist in 4 Sprachen (!) gehalten (Ungarisch, Deutsch, Englisch, Französisch), und enthält neben einer gut verständlichen Einführung in die Welt der Regerschen Choralfantasien mit Kategorisierung derselben durch Dr. Szabó auch einen kurzen Abriss aus Regers Leben und Wirken, Begründungen zur Instrumentenauswahl sowie aussagekräftige und schöne Fotos zu den einzelnen Orgeln sowie deren Disposition. Leider wird Reimanns „Morgenstern“-Fantasie im Booklet überhaupt gar nicht erwähnt, sodass man diesbezüglich etwas im Regen steht und dadurch dieses schöne Werk ein wenig wie das „fünfte Rad am Wagen“ wirkt, um die CD noch zu füllen. Schade, das wäre besser gegangen.
Informationen zum Interpreten und zur Stiftung „Kulturgut Orgel“ (Hätte man diese Information zur Stiftung nicht zugunsten einer Einführung zur Reimannschen Fantasie weglassen können?) runden das wertige Booklet ab. Durch eine stabile und wertige Hülle mit einem schönen Foto der Orgel von St. Anton sind die beiden CDs gut verpackt und garantieren langjährigen Hörgenuss.

Fazit: Die Kombination aus romantischen Großinstrumenten gepaart mit der Spielfreude von Balász Szabó ist für jeden Freund der Orgelmusik Regers ein Muss, eine unbedingte Kaufempfehlung für das heimische CD-Regal sei hiermit ausgesprochen – diese CD begeistert auch nach mehrmaligem Hören. Top!

Johannes Richter - für www.orgel-information.de
August 2016 / Februar 2017


Diese CD ist im gut sortierten Buch-/Musikhandel erhältlich
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