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St. Marien Doberlug

Interpret: Jaroslav Tuma
aus der Reihe "Orgellandschaft Niederlausitz - Monographien"
Label: Harp


Dass im Osten Deutschlands, in der Niederlausitz, nicht wenige unbekannte, dennoch sehr hörenswerte Instrumente zu finden sind, ist bekannt. Umso besser, dass sich Jaroslav Tuma zusammen mit dem Label harp eines dieser Instrumente angenommen hat, welches dazu von einem der bedeutensten deutschen Orgelbauer, von Wilhelm Sauer, in der ehemaligen Zisterzienser-Klosterkirche St. Marien Doberlug, einer kleinen Stadt in der Niederlausitz, als Opus 209 erbaut wurde.

Um es vorweg zu nehmen: Höhrenswert ist diese CD auf jeden Fall! Zum Erbauungsjahr der Orgel (1874) angemessen und durchdacht ausgewähltes Repertoire verschiedenster romantischer Komponisten lässt die Orgel unter den Händen des kundigen Interpreten Tuma ihre Stärken im Bereich der fein ausdifferenzierten Klangfarben, der dynamischen Steigerung und den klanglichen Gegensätzen von fortissimo bis pianissimo ihre Stärken voll ausspielen. Dass dabei nicht nur deutsche Komponisten auf dem Programm stehen, sondern auch Komponisten der französischen (Jospeh Bonnet, Louis Vierne), der italienischen (Marco Enrico Bossi) sowie der osteuropäischen (Jaroslav Václav Vacek, Joseph Krejci, Aleksandr K. Glasunov) Romantik, unterstreicht die Vielseitigkeit von Orgel und Interpret. Mit Stücken von Anton Bruckner und Rudolf Palme sind auch zwei eher selten auf der Orgel gehörte Komponisten mit vertreten.

Das Hören der CD ist eine wahre Freude. Von kräftigen Forte-Mischungen mit Cornett über zarteste Farben mit ätherischer Voix céleste bis hin zu Streichermischungen verschiedenster Art, betörend schönen Flötensoli und sägenden Gambenparts ist für jeden Geschmack etwas dabei. Besonders in der Orgelsonate des bisher (leider!) relativ unbekannten Komponisten Vacek kommt die Orgel unter den kundigen Händen von Jaroslav Tuma, der dieses Werk, was sich weder hinter Mendelssohns noch Rheinbergers Orgelsonaten zu verstecken braucht, wunderbar vielfarbig spielt, zu ihrer vollen Farbenpracht. Von Fortissimo bis zum zartesten Schwellwerks-Pianissimo mit Flötensolo im Hauptwerk ist die volle farbliche Bandbreite einer romantischen Orgel ausgebreitet, quasi im Exempel statuiert worden. Schon allein dieses Werkes wegen ist die CD ein Hochgenuss für die Liebhaber romantischer Orgelmusik. Doch auch die französischen Werke sind überzeugend und spannungsvoll dargeboten, besonders die „Berceuse D-Dur“ von Bonnet ist ein einziger Genuss beim Hören, ebenso Viernes „Prelude D-Dur“, in welchem Schwellwerk und Hauptwerk wirkungsvoll einander gegenüber gestellt und die Gegensätze dieser beiden Werke deutlich werden.
Bruckners „Vorspiel und Fuge c-Moll“ beschließt die CD, wobei der Interpret hier die Orgel nochmals in ihrer vollen Stärke, mit dem vollen Werk, erklingen lässt.

Tumas Spiel präsentiert sich auf dieser Scheibe als geschliffen und fließend, mit wohlüberlegten Registrierungen und ausgeprägtem Klangverständnis, lediglich an einigen Stellen beeinträchtigen einige unmotiviert wirkende Rubati – wie in der „Fuga“ von Vacek – den Fluss der Musik, weil das für eine Fuge wichtige rhythmisch-fließende Gebilde für einen Moment ins Wanken gerät, ebenso bei Rheinbergers „Alla marcia“, wo zusätzlich der Einsatz der Posaune 16' schon beim mezzoforte Fragen aufwirft, einfach weil die kräftige Posaune mit ihrem markanten, keineswegs aufdringlichen Ton im Mezzoforte von der Klangfarbe her nicht passt.

Klanglich besticht die CD neben dem tollen Orgelklang mit einer sehr räumlich geratenen Aufnahmetechnik, sodass man meint, Standorte verschiedener Register ausmachen zu können. Fraglich bleibt, ob die Orgel in der doch nicht kleinen Kirche genauso transparent und durchsichtig klingt wie auf der Aufnahme, wo fast jeglicher Nachhall verschwunden ist. Eine Geschmacksfrage sind die teilweise zu hörenden Trakturgeräusche der mechanischen Traktur, welche den Hörgenuss aber auch im Pianissimo nicht beeinträchtigen.

Das schön gestaltete Booklet, welches leider fest an die (sehr wertige!) CD-Hülle mit der schönen Orgel-Zeichnung auf der Vorderseite gebunden ist, enthält neben der  Disposition der Orgel auch Informationen zu Kirche, Orgel (und deren Geschichte) sowie zum Interpreten, in drei verschiedenen Sprachen. (Deutsch, Englisch, Tschechisch). Die Erläuterungen zur Orgel sind auch für Orgel-Laien sehr gut verständlich und geben einen Einblick in die Welt der romantischen Orgel.

Neben der Disposition der Orgel sind dort auch die Abkürzungen der jeweiligen Register angegeben, sodass langes Rätseln beim Verfolgen der ebenfalls im Booklet angegebenen Registrierungen entfällt. Sehr gut gemacht ist, dass das „Wichtigste“ des Booklets, die Disposition und die Registrierungsangaben, als Erstes im Booklet angegeben werden, langes Blättern ist nicht nötig. Schöne und qualitativ sehr gute Fotos runden das dicke, auf hochwertigem Papier gedruckte Booklet ab.

Kurzum: Eine sehr empfehlenswerte Platte für Freunde der romantischen Orgelmusik, für Kenner der ostdeutschen Orgellandschaft und solche, die es werden wollen, auf jeden Fall ein Muss. Top!

Johannes Richter - für www.orgel-information.de
August 2016 / Februar 2017


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