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Girolamo Cavazzoni - Organ Works

Interpret: Ivana Valotti
Instrument: Graziadio Antegnati-Orgel der Basilica palatina di Santa Barbara Mantua (1565)
EAN: 8007194200324
Label: Tactus

Die zwei Bücher von Girolamo Cavazzoni (1506/12? – nach 1577) von 1543 und vor 1549 mit Recercari, Canzonen, Hymnen, vier Magnificats und drei Orgelmessen gehören zu den frühen Zeugnissen italienischer Orgelmusik. Noch gab es keine seconda prattica, ideenreich und  vielgestaltig bewegt sich Cavazzoni hier im Reich der überkommenen franko-flämischen Polyphonie, wie z.B. auch Jacques de Wert, von 1565 bis 1596 sein Kapellmeister an der erst 1572 fertiggestellten Hofkirche, der Basilika Santa Barbara in Mantua, es noch getan hat.
Seine Hofkapelle war Herzog Guglielmo Gonzaga, der sich als Vorkämpfer einer Gegenreformation verstand und eine eigene Mess-Liturgie feierte, viel wert. So ließ er unter Cavazzonis Regie schon 1565 eine Orgel vom hoch gerühmten Graziadio Antegnati, der bereits in dritter Generation der Familie Orgelbauer war, einbauen mit einem Ripieno von 9 Stimmen (ab 16‘), einer Fiffaro und zwei Flauten (in VIII und XIX) bei einem Tastenumfang von C (kurze Oktave) bis f‘‘‘ mit doppelten Semitonien es/dis und as/gis (Pedalumfang: C – a0). 312 von 665 Pfeifen waren von diesem Werk noch erhalten, als sich Giorgio Carli aus Pescantina (Verona) 1995 an die Restaurierung machte, die bis 2006 dauerte. Aber erst seit 2015 nach der Wiedereinweihung der ganzen Kirche ist die Orgel wieder nutzbar.

Die Mailänder Professorin für Orgel und barocke Aufführungspraxis Ivana Valotti hat sich des gesamten überlieferten Werkbestandes Cavazzonis angenommen. Ihr Spiel zeichnet sich durch eine sehr lebendige Agogik unter strenger Beachtung der Spielanweisungen (1608) von Cavazzonis Schüler Costanzo Antegnati und Dirutas Transsilvano (1593) sowie stilgemäßen Verzierungen aus. Leider kann der Hörer die Registrierungen nicht nachvollziehen, sie sind im Booklet nicht angegeben. Ein großes Fragezeichen muss auch an die Artikulation Valottis gesetzt werden, zumal an die der linken Hand, die oftmals einem Staccato gleicht, so dass nur  noch die Einschwingvorgänge der Pfeifen hörbar sind. Die doch intendierten polyphonen Linien gehen so verloren, eher klingt es dann nach barocker Begleitung mit schnellen Akkordschlägen, zumal wenn Cavazzoni vor allem dem Diskant in den Kadenzen melodische Floskeln zuweist.

Den Hymnen sind dankenswerterweise die vokalen Versionen vorangestellt, engagiert vorgetragen von Gianluga Ferrarini, ebenso sind die vokal auszuführenden Magnificat- und Messeversetten ergänzt. Leider blieb unbeachtet, dass diese Sätze nicht solistisch, sondern chorisch auszuführen sind. Zu Ferrarinis ausgeglichenem Vortrag der Messversetten kontrastieren die Orgelversetten allerdings stark, da Valotti hier sehr schnelle Tempi nimmt, die Anschlüsse zum nächsten Vers aber durch sehr lange Schlussakkorde hinauszögert.

Da sich die Alternatimpraxis in katholischen und protestantischen Gottesdiensten damals kaum unterschied, ist gerade im Reformationsgedächtnisjahr die CD auch für evangelische Organisten von großem Interesse, gilt es doch auch um einer lebendigen Gottesdienstgestaltung willen diese wertvolle Praxis des Alternierens wieder zurückzugewinnen, zumal Versetten dieser Art protestantischerseits kaum überliefert sind. So sei diese CD herzlich empfohlen!

Rainer Goede - für www.orgel-information.de
April 2017 / Oktober 2017


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