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Die Orgel der Stiftskirche St. Georg Goslar (Grauhof)

Geschichte und Bedeutung der Treutmann-Orgel in Grauhof
Disposition


Zur Geschichte der Stiftskirche


Geschichte und Bedeutung der Treutmann-Orgel in Grauhof

Als Christoph Treutmann 1734 mit dem Bau der Orgel in der Stiftskirche St. Georg in Grauhof bei Goslar begann, war er bereits Mitte sechzig, wohlhabend, weithin als Orgelbauer bekannt und gerühmt, trotz seines reifen Alters voll auf der Höhe der Zeit und aufgeschlossen für deren Neuerungen. Die Chorherren im Kloster Grauhof, gleichermaßen selbstbewusst und wohlhabend und von dem Wunsch nach einem höchsten Ansprüchen gerecht werdenden Instrument beseelt, wussten dies sicher zu schätzen, als sie den Vertrag mit Treutmann schlossen. Treutmann seinerseits wusste zu schätzen, dass ihm hier in der neuerbauten, für norddeutsche Verhältnisse einzigartigen dreischiffigen Barockkirche mit ihren hervorragenden akustischen Voraussetzungen eine ganz besondere Möglichkeit der Selbstverwirklichung im Orgelbau gegeben war. So entstand in dreijähriger Bauzeit bis 1737 das größte und aufwändigste Instrument dieses Orgelbauers, sozusagen sein Vermächtnis an die Nachwelt.
Eine glückliche Fügung wollte es, dass gerade dieses Hauptwerk Treutmanns alle Wechselfälle der Zeiten bis heute in seiner Grundsubstanz unverändert überdauert hat.

Treutmann, 1675 oder etwas früher in Schlesien geboren und 1757 im Alter von mehr als 80 Jahren gestorben, erlernte den Orgelbau bei der angesehenen Orgelbauerfamilie Herbst in Magdeburg. 1695 machte er sich dort selbstständig. Magdeburg lag damals im Schnittpunkt des Wirkens der großen Orgelbauschulen. Der norddeutsche Orgelbauer Arp Schnitger (1648 - 1719), dessen Geselle Treutmann für einige Zeit gewesen sein könnte, und eine Reihe bekannter mitteldeutscher Orgelbauer waren in der näheren und weiteren Umgebung tätig. Zu ihnen sind auch der berühmte sächsische Orgelbauer Gottfried Silbermann (1693 - 1753) und der bei Magdeburg geborene Berliner Orgelbauer Joachim Wagner (1690 - 1749) zu zählen. Sie alle gaben dem Orgelbau am Zeitgeschmack orientierte, aber doch spezifische und teilweise sehr persönliche Impulse.
Christoph Treutmann, vermutlich mit den meisten Orgelbauern persönlich bekannt, integrierte davon in seine eigenen Vorstellungen, was ihn überzeugte.

In Grauhof fand er die Möglichkeit, seine eigenen, auch durch die wesentlichen Strömungen im Orgelbau jener Zeit beeinflussten Vorstellungen zu verwirklichen und so ein Denkmal der Orgelbaukunst jener Zeit zu schaffen, wie es ihm vorgeschwebt haben dürfte. Einige wesentliche Stilelemente der Grauhofer Orgel fasst ein Kenner des Instruments so zusammen:
"War in Norddeutschland die Aufstellung der verschiedenen Werke der Orgel in räumlich voneinander getrennten Gehäuseteilen noch lange üblich, findet sich in Grauhof wie auch schon in einigen Silbermann-Orgeln eine gewisse Vereinheitlichung des Orgelklanges durch die Integration der Werke hinter eine auch für den Betrachter als Einheit empfundene Orgelfassade.
Neben einer auch im norddeutschen Orgelbau üblichen Schiebekoppel vom Oberwerk zum Hauptwerk ist eine als Registerzug konzipierte Koppel mit Stechermechanik vom Hinterwerk zum Hauptwerk vorhanden, sodass man alle drei Werke zusammen spielen kann oder auch nur das Oberwerk und das Hinterwerk zusammen, was relativ neu für die damalige Zeit war. Treutmann verwendete auch so genannte Streicher. Die erhaltenen zarten Register Viola da Gamba 8' und 16' im Hauptwerk haben eine sehr elegante, etwas überirdische Wirkung, die auch im Zusammenspiel mit anderen 8'-Registern sehr charaktervolle Klangfarben erzeugt. Hier zeigt sich ein Einfluss, der aus weiter östlich gelegenen Gebieten herrührt. Ein besonderer Effekt konnte an dieser Orgel auch durch das Klavieraturglockenspiel erzeugt werden, das der Erfurter Meister Buttstadt lieferte."


Dieses Glockenspiel, ein besonders aufwändiges Accessoire und zunächst besonderer Stolz der Grauhofer Chorherren, wurde bereits 1848 als nicht dem gewandelten Zeitgeschmack entsprechend ausgebaut und wartet noch auf die Rekonstruktion. Im Übrigen aber hat die Generalrestaurierung der Orgel in der Jahren 1989 - 1992 alle wesentlichen Bauelemente erhalten oder originalgetreu erneuert. Dabei wurde besonders viel Sorgfalt auf die Wiederherstellung des originalen Klangbildes verwandt

Das Grauhofer Instrument mit 42 Registern und rund 2 500 Pfeifen auf drei Manualen und dem Pedal erweist sich heute wieder besonders geeignet für die Interpretation des umfangreichen kompositorischen Werkes von Johann Sebastian Bach. Der große Leipziger Thomas-Kantor liebte vor allem die ihm aus seiner thüringischen Heimat vertrauten Streicher-Register. Bach-Interpreten, die den Klangvorstellungen des Meisters nahe kommen wollen, schätzen daher die Grauhofer Orgel besonders. Organisten und Orgelbauer reisen aus aller Welt an, um diese Orgel als eines der bedeutendsten nahezu original erhaltenen Werke der Bach-Zeit kennen zu lernen.

Sie dient häufig für Rundfunk- und CD-Aufnahmen, lockt alljährlich viele Besucher aus nah und fern zu den Konzerten des Grauhofer Orgelsommers an allen Sonntagen der Monate Juli und August und bringt sie bei gezogenem 32'-Posaunen-Baß auch in den Genuss eines Plenumklanges, den ein Zeitgenosse Treutmanns so beschrieb:

"...dass es einem in der Luft grummelenden Donnerwetter nicht gar ohnähnlich verglichen werde mögte."


Disposition
erbaut 1737 von Christoph Treutmann

I. Hinter-Werck (CD-c‘‘‘) II. Haupt-Werck (CD-c‘‘‘) III. Ober-Werck (CD-c‘‘‘) Pedal (CD-d‘)

Gedackt 8 fuß o

Principal 16 fuß o

Principal 8 fuß o

Principal 16 fuß o

Principal 4 fuß o

Viola di Gamba 16 fuß o

Rohrflöt 8 fuß o

Subbass 16 fuß o

Traversiere 4 fuß o

Viola di Gamba 8 fuß o

Spitzflöt 4 fuß o

Rohrflöt 12 fuß o

Waldflöt 2 fuß o

Lieblich Principal fuß o

Octava 4 fuß o

Octava 8 fuß o

Octava 2 fuß o

Spitzflöt 8 fuß o

Quinta 3 fuß o

Flachflöt 8 fuß o

Quinta 1½ fuß o

Quinta 6 fuß o

Superoctava 2 fuß o

Octava 4 fuß o

Scharff 3 fach r

Octava 4 fuß o

Sesquialtera 2 fach o

Mixtur 4 fach r

Hautbois 8 fuß o

Nasat 3 fuß o

Mixtur 5 fach o/r

Gross Posaunen Bass 32 fuß o

Rauschpfeiffe 3 fach r

Fagotto 16 fuß o

Posaune 16 fuß o

Mixtur 4-6 fach o/r

Vox humana 8 fuß r

Trompet 8 fuß o

Trompet 16 fuß o

Schalmey 4 fuß o

Trompet 8 fuß o


o Christoph Treutmann d. Ä. 1734 - 1737
r Gebrüder Hillebrand 1989 - 1992


Clavier-Glockenspiel
Tremulant (für das ganze Werck)
2 Cymbelsterne

Schiebekoppel Ow/Hw
Koppel Hi/Hw

6 Keilbälge
Winddruck: 72mm/WS
Tonhöhe: ca. 5/8 Ton über normal
Stimmung: wohltemperiert (Kellner/Bach, 1/5 Komma)

Zur Geschichte der Stiftskirche

Das ehemalige Augustiner-Chorherrenstift Grauhof, wie es sich heute präsentiert, wird bald 300 Jahre alt. Mit dem Bau der jetzigen Gebäude wurde 1701 begonnen. Danach wurde von 1711 bis 1714 die Stiftskirche St. Georg errichtet.

Die nüchternen Zahlen verbergen die Vorgeschichte - also kurz: Das Stift Grauhof ist wesentlich älter, war im Mittelalter das so genannte Vorwerk (oder auch landwirtschaftlicher Wirtschaftshof) des reichsfreien Stiftes St. Georg. Das Stift lag auf dem "Sassenberg" (fortan Georgenberg), war von Kaiser Konrad II. im Jahr 1205 gegründet worden und wurde später von Kaiser Heinrich V. dem Bischof Kuno von Hildesheim geschenkt. Dabei erhielt das Stift u. a. auch den Wald Al (Ohlhof und Umgebung) übereignet.

Dieser großartige oktogone Bau der Stiftskirche auf dem Berg nördlich Goslars und vor den Mauern der Stadt wurde in den politisch-religiösen Wirren der Reformationszeit von den Goslarer Bürgern - in der Auseinandersetzung mit Herzog Heinrich dem Jüngeren - zerstört. Die Augustiner-Chorherren verlegten ihren Sitz auf den Wirtschaftshof in Grauhof. Für die Besitz- und Nutzungs-Verhältnisse um Grauhof begann ein politisches Wechselbad, mit bestimmt durch die religiösen Auseinandersetzungen dieser Zeit. Nach dem Sonderfrieden von Goslar (1642) zwischen dem Kaiser und den Welfen wurde das so genannte Hochstift Hildesheim an dessen Bischof zurückgegeben. Die Augustiner-Chorherren konnten 1643 wieder in Grauhof einziehen. Besiedelt von Chorherren aus Brabant, die der Windesheimer Kongregation angehörten, begann der Wiederaufbau, zunächst bescheiden.

Der 3. Propst aber nach der Neubesetzung, Bernhard Goeken (1690 - 1726) sah es als seine Verpflichtung an, das Stift Grauhof im protestantischen Umland zu einem Brennpunkt neuen Gottesglaubens und neuer künstlerischer Kultur zu machen. Dies ist ihm gelungen. In Goekens 36 Jahren als Propst von Grauhof wurde mit dem Neubau des Klosters begonnen, nach dessen Fertigstellung mit dem Bau der großen Stiftskirche ab 1711, vielleicht auch bereits ab 1708. Der kunstsinnige und -liebende Propst Goeken hatte für diese Stiftskirche italienische Baumeister gewonnen und berufen: Francesco Mitta, Josefo Crotogino und dessen Sohn Sebastiano, alle drei anerkannte zeitgenössische Architekten im südniedersächsischen Raum. Der Kirchentyp der Stiftskirche Grauhof ist in Norddeutschland einzigartig, ohne Vorbilder und ohne Nachfolger. Sie stellt eine bedeutende Anlage dar. Die dreijochige Wandpfeilerkirche mit dem lang-gestreckten erhöhten Chor beeindruckt durch die ungewöhnliche Weiträumigkeit dieses barocken Gotteshauses.

Der Nachfolger Goekens, Propst Heinrich Eikendorff, vollendete die innere Ausstattung der Kirche. Unter ihm wurde auch die große Orgel von Christoph Treutmann d. Ä. verwirklicht. Unter Einbeziehung in die Gesamtarchitektur der Kirche wurde sie von Treutmann 1734 bis 1737 erbaut. Die Grauhofer Orgel ist ein Meisterwerk barocken Orgelbaus. Sie ist das größte und gleichzeitig das einzige heute noch fast vollständig erhaltene Werk Treutmanns d. Ä. und gehört zu den schönsten und größten Barockorgeln Norddeutschlands.

Nach der Säkularisation wurde der Chorherren-Konvent aufgelöst. 1818 wurde Grauhof einschließlich des Klostergutes, inzwischen zum Königreich Hannover gehörend, dem Allgemeinen Hannoverschen Klosterfonds zugeordnet. Dieser - heute Klosterkammer Hannover - trägt den Unterhalt des "Klosters" und der Stiftskirche St. Georg. Dass die Klosterkammer zusätzlich zu den erheblichen Kosten für Baumaßnahmen zur Restaurierung der Treutmann-Orgel für gut 1,2 Millionen DM entscheidend beigetragen hat, muss anerkennend hervorgehoben werden.


Mit freundlicher Genehmigung des Vereins der Förderer der Treutmann-Orgel
OI-G-46
weiterführende Links

Webseite Treutmann-Orgel



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