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Die Orgel der St Marien-Kirche in Berlin-Mitte

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Disposition


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Die St. Marien-Kirche ist nach St. Nicolai die zweite der Berliner Stadtkirchen und wurde noch im 13. Jahrhundert am Neuen Markt, inmitten der Neustadt, errichtet. Heute steht die dreischiffige Backstein-Hallenkirche – nach der Säkularisierung der St. Nicolai-Kirche und der Sprengung von St. Petri – isoliert inmitten einer weitgehend abgeräumten Innenstadt. Sie ist gegenwärtig einzige evangelische Gemeindekirche der Altstadt und zugleich Berliner Bischofskirche.

Die Orgel in St. Marien konnte 2002 dank großzügiger Zuwendungen neu gebaut werden. Die Firma Alfred Kern & Fils, Strasbourg, schuf ein dreimanualiges Instrument unter Wiederverwendung der Gehäusefront und der erhaltenen historischen Register.

Ursprünglich wurde die Orgel 1721-23 mit 40 Registern als Opus 1 des zuletzt von Gottfried Silbermann ausgebildeten Joachim Wagner neu gebaut. „Diese neue Orgel ist fertig worden und geliefert in der Pfingstwoche 1723. Ohngeachtet, da sie noch nicht fertig, wurde sie doch vom Hrn. Consistorial Rath Porst am Tage Simon et Juda 1721 eingeweiht, von welcher Zeit sie auch beständigst gebraucht worden.“

Dieses Instrument muss als der Ursprung einer über 150 Jahre dauernden eigenständigen Orgelbau-Tradition in der Mark Brandenburg gesehen werden. Wagners Schüler, unter ihnen Peter Migendt, Ernst Marx und Gottlieb Scholtze, und spätere Generationen vermittelten die Bauprinzipien wie technische Konstruktion, Dispositionsgestaltung und Mensurierung wiederum ihren Schülern, bis in die Generation von Carl August Buchholz. Es lag daher nahe, das für diese Traditionskette wichtigste Instrument in angemessener Weise zu rekonstruieren. Dies bedeutete uneingeschränkte Hochachtung vor dem Gehäuse und den erhaltenen Pfeifen, aber zugleich funktional verwendbar für eine moderne Musikpraxis.

1800 wurde die Orgel auf Veranlassung von Abbé Vogler durch Johann Friedrich Falckenhagen „simplifiziert“, d.h. durch einen Umbau und durch Wegfall vieler für die Orgel typischen Register einschneidend verändert. Nur noch 27 Register blieben erhalten, viele von ihnen nur noch zum Teil und verstümmelt. Die übrigen Register wurden an St. Hedwig verkauft. Dieser Umbau war jedoch nur von kurzer Dauer: 1830 rekonstruierte Carl August Buchholz das stark veränderte Instrument und baute 8 Register neu. Nach dieser Rekonstruktion stammten 33 Register wieder teilweise oder ganz von Wagner.

1892/93 führte die Firma Schlag & Söhne aus Schweidnitz, Schlesien, einen Um- und Erweiterungsbau durch. Nach diesem Umbau hatte die Orgel 53 Register, von denen aber nur noch 24 Register von Wagner teilweise oder weitgehend vollständig erhalten waren. Die wiederverwendeten Wagner-Pfeifen wurden umgesetzt, ergänzt, mehr oder weniger umgearbeitet und neu intoniert. Die Schleifladen blieben erhalten, jedoch wurden alle Werke durch Kegelladen ergänzt.

1908 beseitigte Wilhelm Sauer, Frankfurt/Oder, die Schleifladen mit der mechanischen Traktur. Die Firma stellte das vorhandene Pfeifenmaterial auf neue Kegelladen und lieferte einen neuen Spieltisch mit pneumatischer Steuerung. Die Orgel war technisch ein Neubau, klanglich dagegen ein Umbau. Sauer integrierte die alten Stimmen in einer für jene Zeit eindrucksvollen Weise, musste die Intonation jedoch dem neuen Ladensystem anpassen. Die Orgel verfügte nach diesem Umbau über 56 Register.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann eine Folge von Instandsetzungen und Umbauten, die das Instrument unter Beibehaltung der Kegelladen dem Original aus dem 18. Jahrhundert wieder annähern wollte. Die erste Veränderung im Jahre 1948 durch die Firma Alexander Schuke, Potsdam, war wohl die weitreichendste. Das Material von Wagner wurde umgestellt, umgearbeitet und ergänzt. Zahlreiche historische Pfeifen erhielten neue Zinnkerne. Nur noch 22 Register von Wagner blieben verändert erhalten, zum Teil in der Pedalmixtur versteckt. Die Stimmen von Buchholz, Schlag & Söhne und Sauer wurden zum großen Teil beseitigt. Das Instrument erhielt auch eine neue elektropneumatische Traktur.

1957, 1970 und 1985 wurde die Orgel wiederum durch die Firma Alexander Schuke verändert, auch diesmal mit dem Ziel, die Disposition dem ursprünglichen Zustand anzugleichen.

Die Orgel stand bis 1830 im Chorton, also knapp einen halben Ton über 440 Hz, und hatte eine ungleichschwebende Stimmung. Die Klaviaturumfänge umfassten die Töne C, D-c3 und C, D-d1. Hauptwerk, Oberwerk und Hinterwerk waren zu Zeiten Wagners den Manualen II, III und I zugeordnet. Die Orgel hatte zwei Manual-Schiebekoppeln.

Die neue Orgel wurde den Erfordernissen der heutigen Musizierpraxis angepasst. Die ursprüngliche Disposition wurde um 5 Register erweitert, die Wagner in anderen dreimanualigen Orgeln gebaut hatte. Diese Register und die verloren gegangenen Stimmen wie auch die gesamte technische Anlage wurden, soweit dies möglich war, originalgetreu rekonstruiert. Das Instrument erhielt eine moderne Stimmtonhöhe, aber eine historische Stimmung: Neidhardt III (für die große Stadt). In allen Klaviaturen wurde das große Cis eingefügt, und die Manuale wurden bis f3 erweitert. Die Zuordnung der Manualklaviaturen zu den Werken wurde der heutigen Praxis angepasst, die Koppeln mit Zügen schaltbar eingerichtet und eine Pedalkoppel zum Hauptwerk hinzugefügt.

Die Orgel ist also ein Neubau, respektiert aber das historische Pfeifenmaterial in der ursprünglichen Tonhöhe. Die Kirchengemeinde nennt die Orgel dennoch eine „Joachim-Wagner-Orgel“. Damit will sie deutlich machen, dass hier wieder – mit allen Einschränkungen – ein historischer Klang zum Leben erweckt worden ist.

Text: U. Pape: Orgeln in Berlin, 2003


Disposition

Hauptwerk I C-f³ Oberwerk II C-f3 Hinterwerk III C-f3 Pedal I C-d1
Principal 8´ Principal 8´ Gedackt 8´ Principal-Bass 16´
Viole di Gambe 8´ Qvintadena 16´ Qvintadena 8´ Violon 16´
Bordun 16´ Salicional 8´* Echo zum Cornet 5fach ab c1 Octav 8´ *
Rohrflöt 8´ Gedackt 8´ Octav 4´ Gembßhorn 8´
Octav 4' Octav 4´ Rohrflöt 4´ Qvinta 6´
Spitzflöt 4´ Fugara 4´ Octav 2´ Octav 4´
Cornet 5fach ab c1 Nassat 3´ Waldflöt 2´ Mixtur 6fach 2 2/3´
Qvinta 3´ Octav 2´ Qvinta 1½´ Posaune 16´
Octav 2´ Tertie 1 3/5´ Cimbel 3fach 1´ Trompet 8´
Scharff 5fach 1½´ Sifflöt 1´ Vox humana 8´ Cleron 4´ *
Cimbel 3fach 1´ Mixtur 4fach 1½´
Fagott 16´* Oboe 8´*
Trompet 8´

Schleifladen, mechanische (hängende) Spieltraktur, mechanische Registertraktur,
zwei Manualkoppeln Oberwerk-Hauptwerk, Hinterwerk-Hauptwerk (Gabelkoppeln), eine Pedalkoppel Hauptwerk-Pedal (Wippenkoppel), zwei Tremulanten in originaler Bauweise, zwei Zimbelsterne mit Schellen.

* = zusätzliche Register gegenüber der ursprünglichen Disposition
(Vox humana 8´ stand früher im Oberwerk)


Mit freundlicher Genehmigung von Uwe Pape
Text: U. Pape: Orgeln in Berlin, 2003
Foto: Jörg Becker / Kirchengemeinde St. Marien
OI-B-77
weiterführende Links

Webseite Marienkirche Berlin
Webseite Pape-Verlag



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